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Eingeschlossen in den Marienkult des späten Mittelalters war die Verehrung der Heiligen Anna, Mutter der Gottesmutter Maria. Im 13. Jahrhundert entstand die Anna selbdritt genannte Gruppe, die besonders in Deutschland, den Niederlanden, aber auch in Italien und Spanien, bekannt war.
Anna, die Mutter Marias und Großmutter Jesu, weiß um das bedeutsame Geschehen, das von Maria und Jesus ausgehen wird. Anna, thronend wie eine Matrone, ist umhüllt von einem Kopftuch und bekleidet mit rotem Kleid und grünem Mantel.
Auf dem Schoß der Anna sitzen Maria und Jesus in Kindergestalt. In der Hand von Jesus liegt eine Weintraube. Dieses Attribut weist auf sein späteres Schicksal und das Abendmahl hin – der Wein als Zeichen für sein vergossenes Blut.
Maria trägt eine Krone auf ihrem Kopf. Sie ist Zeichen für ihre Würde als Gottesmutter und Gesegnete unter den Frauen. Sie hält als Attribut das Alte Testament in der Hand. Es weist auf die Verheißung des Messias hin (Jesaja 11,1+2):

„Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais
und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.
Auf ihm wird ruhen der Geist Gottes,
der Geist der Wahrheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Stärke,
der Geist der Erkenntnis
und der Furcht Gottes.“


Foto Anna selbdritt

Die Pieta, Frömmigkeit, war ein in der Kunst des 14. und 15. Jahrhunderts beliebtes Andachtsbild. Seine Betrachter sollten die Passion Christi mystisch nacherleben. Es erinnerte sie zum Zeitpunkt der Vesper am Karfreitag an die Abnahme vom Kreuz und an die Beweinung. Die trauernde Gottesmutter Maria beweint den Leichnam ihres Sohnes. Ihre schräg gestellten Augen verleihen ihrem Schmerz besonderen Ausdruck (Matthäus 27,46):

„Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut:
Eli, Eli, lama asabtani?
Das heißt: Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?“


Foto Pieta

Beide Figuren entstanden etwa um 1500 aus Lindenholz. Formale Ähnlichkeiten, vor allem in den Gewändern der Figuren, lassen vermuten, dass sie beide aus einer Werkstatt stammen. Allerdings scheinen die Gesichter der jeweiligen Figurengruppe von unterschiedlichen Schnitzern ausgeführt worden zu sein, weil sie einige Unterschiede in der Auffassung zeigen. Die eher herben, fast expressionistisch zu nennenden Gesichtszüge der Maria und des Jesus der Pieta und die allgemein recht bodenständige Formensprache deuten auf eine Werkstatt im ländlich-kleinstädtischen Raum hin, in der der Schnitzer sein tägliches Umfeld und Erleben künstlerisch verarbeitet hat.
Die beiden Figurengruppen stammen höchstwahrscheinlich aus dem Vorgängerbau der heutigen Kirche, von dem bis auf sein Vorhandensein nichts bekannt ist. Vielleicht war es eine der im Thüringer Raum häufiger vorkommenden kleinen gotischen Dorfkirchen. Vielleicht war es eine Holzkirche, wie es in den Archivakten überliefert ist. Im Neubau der Kirche wurde den beiden Figurengruppen rechts und links neben dem Altar ein besonderer Platz zugedacht.
(Mit freundlicher Genehmigung der Restauratorin Grit Jehmlich)